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Rainer Rothfuss forscht zu interreligiösen Konflikten. | © 2015 Daniel Gerber/zVg

 

Zürich/Tübingen, 14.9.15 (kath.ch) Gemäss Schätzungen sind weltweit 80 bis 85 Prozent der religiös verfolgten Menschen Christen. Dies sagte der deutsche Wissenschaftler Rainer Rothfuss am Samstag, 12. September, im Rahmen einer Veranstaltung zum 60. Geburtstag der Organisation Open Doors in Suhr AG. Die westlichen Staaten hätten indes die Verfolgung von Christen noch nicht als «Tragödie» wahrgenommen, sagte Rothfuss gegenüber kath.ch. Erfahrungen bei einem Forschungsaufenthalt in Thailand haben bei ihm den Verdacht aufkommen lassen, das Flüchtlingshilfswerk der UNO (UNHCR) vernachlässige verfolgte Christen. Eine Anfrage von kath.ch für eine Stellungnahme ist beim UNHCR hängig.

 

Von Barbara Ludwig

Quelle: Kath

 

Laut Schätzungen handelt es sich bei 80 bis 85 Prozent der Menschen, die unter religiöser Verfolgung leiden, um Christen. Es existierten jedoch bislang keine vollständigen internationalen Erhebungen, die diese Angabe bestätigen könnten, sagte Rothfuss am Sonntag, 13. September, gegenüber kath.ch.

 

Eine feste Definition, was religiöse Verfolgung sei, gebe es nicht, so der Forscher, der bis Ende März 2015 an der Universität Tübingen als Professor für geographische Konfliktforschung angestellt war. Jedoch gebe es Kriterien, anhand deren man religiöse Verfolgung im konkreten Fall feststellen könne.

 

 

«Religion erhitzt die Gemüter»

 

So spreche man zum einen von religiöser Verfolgung, wenn die Religionszugehörigkeit als Merkmal zur Identifizierung des Gegners diene und zur «Abgrenzung des Wir von den Anderen» eingesetzt werde, obschon der eigentliche Kern eines Konflikts nichts mit Religion zu tun habe. Zum andern komme religiöse Verfolgung auch in Reinform vor. Etwa wenn in Pakistan einem Christen Gotteslästerung oder die Entweihung des Koran vorgeworfen werde. Rothfuss stellt fest, dass «Religion die Gemüter einfach mehr erhitzt als andere Merkmale wie Geschlecht, Nationalität oder Ethnie».

 

Der Wissenschaftler, der interreligiöse Konflikte untersucht, hält es für legitim, sich vor allem für Christen einzusetzen, weil sie am stärksten von religiöser Verfolgung betroffen seien. Dies sei ein «rationaler Grund». Ansonsten sei eine Unterscheidung nach Religionszugehörigkeit natürlich unzulässig.

 

 

Christliche Flüchtlinge haben «schlechtere Voraussetzungen»

 

Bei einem Forschungsaufenthalt in Thailand habe er beobachtet, dass christliche Flüchtlinge häufig «schlechtere Voraussetzungen» hätten für eine Ausreise in sichere Drittstaaten als etwa muslimische Flüchtlinge, so Rothfuss gegenüber kath.ch. Es komme vor, dass aus Pakistan geflohene Christen dort bis zu fünf Jahre auf einen Interviewtermin beim UNHCR warten müssten. Während dieser Zeit würden sie als illegale Einwanderer betrachtet und landeten oft im Gefängnis. Muslimische Flüchtlinge würden demgegenüber oft «viel schneller abgefertigt». «Christliche Flüchtlinge werden im internationalen System eher benachteiligt.»

 

 

Kein Bewusstsein für Schutzbedürftigkeit von Christen

 

Einer der Gründe dafür sei aus seiner Sicht, dass die westlichen Staaten die Verfolgung von Christen noch nicht als «Tragödie» wahrgenommen hätten. Im Westen mangle es an «Bewusstsein für die besondere Verwundbarkeit und Schutzbedürftigkeit» von Christen ausserhalb von Europa und den USA, sagte Rothfuss. (bal)

 

 

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