Was passiert in der Donbass-Miliz?

Дата публикации: 09 Октябрь 2015, 00:21

 

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Alexander Jutschkowskij

Übersetzung von  Was passiert in der Donbass-Miliz?, auf Grundlage der englischen Übersetzung auf Fort Russ

 

Der folgende Artikel, der die Lage in einer Phase relativer Ruhe beschreibt, erinnert in manchen Punkten an den Artikel “Die bittere Wahrheit über den Einsatz bei Debalzewo”, den wir im Frühjahr veröffentlicht hatten. Da auch der Anschlag auf die Sekretärin Sachartschenkos und die Problematik um die GRU DNR erwähnt wird, haben wir ihn noch ergänzt, um einen weiteren Artikel, in dem sich im Juli die Zeitung Vsgljad mit diesem Vorfall befasste.

 

Quelle: Vineyardsaker

 

Was die Frontlinien und die Dynamik der Feindseligkeiten angeht, ist die Situation während des letzten Monats im Grunde gleich geblieben. Es gibt Kämpfe niedriger Intensität an den abgelegensten Frontabschnitten, an denen es keine europäischen Beobachter, Stabsoffiziere oder russische „Betreuer“ gibt (meistens bei Bachmutka und in der Nähe von Mariupol). Wo es Beobachter und „Betreuer“ gibt, werden nicht einmal in Erwiderung auf Provokationen des Feindes die Waffen gebraucht. Es gibt strikte Anweisungen an die Kommandeure (mit Androhungen bis zur Haft), um Feuer von unserer Seite auszuschließen. Das hat zu den absurdesten Situationen geführt – als ein Kämpfer in der LNR als Antwort auf feindlichen Granatenbeschuss sein Gewehr auf eine Straßensperre abfeuerte, befragte ihn der Staatsanwalt: „Auf welcher Grundlage haben Sie auf ukrainische Soldaten geschossen?“ Der Mann war schockiert: „Wir sind im Krieg.“ Sie antworteten darauf: „Welcher Krieg, wir haben schon eine Weile Frieden und offenbar haben Ihre Kommandeure Sie nicht informiert.“

 

In den meisten Abschnitten wurde die schwere Bewaffnung abgezogen und mancherorts wurden Geschütze unter 100 mm zurückgezogen. An manchen Orten sind die Kämpfer und die Kommandeure gerissen und manipulieren die Ausrüstung (ich werde nicht ins Detail gehen) um die Befehle zu umgehen und im Stande zu sein, sich im Falle eines unerwarteten feindlichen Durchbruchs zu verteidigen. Was den „Wojentorg“ betrifft, ist die Lage zwiespältig. Es gibt Abschnitte, in denen alle Ausrüstung und die Urlauber abgezogen wurden, dagegen andere Orte, wo sie verstärkt wurden. Das heißt, es blieb nur ein Sicherheitsnetz in den Gebieten, in denen im Falle feindlicher Angriffe Komplikationen erwartet werden.

 

Es ist möglich, hier einen der Gründe zu benennen, warum die Einschätzung der Lage durch die Milizionäre und die Beobachter oft so verschieden ausfällt. An manchen Teilen der Front ist die ganze Ausrüstung abgezogen, es gibt keinen „Nordwind“, der Nachschub ist schlecht und das Kommando tobt sich aus und erlaubt nicht einen einzigen Schuss in Richtung des Feindes („wir haben Frieden“ – das kommt besonders schlecht an, wenn man regelmäßig mit Granaten beschossen wird). Hier gibt es jeden Grund für Unzufriedenheit und eine negative Einstellung, die militärische und politische Führung eingeschlossen. An manchen Frontabschnitten ist der Nachschub besser und es gibt den „Wojentorg“, und sogar die Ausrüstung ist mancherorts an der Front geblieben. Hier sind die Kämpfer optimistischer und glauben nicht, dass sie „fallengelassen“ werden.

 

Wenn wir über einige wenigen Vorteile der „Waffenruhe“ reden, dann sind das die Wiederherstellung der Ausrüstung (fast alles ist bereits wiederhergestellt) und die beständigen Übungen, die die militärischen Fähigkeiten der Soldaten verbessern. Das legt nahe, dass das Kommando nicht an „fallenlassen“ denkt. Es wird ordentlich Treibstoff und Schmierstoff verbraucht (aus Russland geliefert), und es ist Tatsache, dass die Miliz zumindest bereit gehalten wird, um feindliche Angriffe zurückzuschlagen. Der Feind sitzt auch nicht faul herum: unsere Aufklärung berichtet von ihren intensiven Übungen und Manövern, die nichts mit einer „friedlichen Lösung des Konflikts“ zu tun haben. Alle schweren Waffen und die Truppen, die in der Zeit des schweren Artilleriebeschusses Mitte August dorthin verlagert wurden, bleiben vor Ort, und Ablösungen finden nur unter den Soldaten statt, die an der Front stehen. Mehr noch, in einigen Gebieten (im Süden der DNR) hat der Feind in den letzten Wochen „neutrale Zonen“ verkündet, die sich als vorteilhaftere Stellungen erwiesen.

 

Die „Waffenruhe“ hat mehr Nachteile. Übungen sind natürlich gut und richtig, aber es gibt viel weniger motivierte und ideologische Kämpfer als am Anfang letztes Jahr (von den Zeiten von „Strelkow“ ganz zu schweigen). In Hinsicht auf den „Militäraufbau“ haben sich die schlimmsten Aspekte russischer Militärbürokratie manifestiert. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die „Urlauber“, die in diesem Geschäft nicht die besten sind, den Prozess überwachen. Viele von ihnen werden nur als „Verbindung“ hierher geschickt. Es ist nicht das Beste, wenn alle wertvollen Spezialisten im „Hauptland“ benötigt werden. Natürlich bleiben diese Leute, trotz ihres hohen Dienstgrads und ihres theoretischen Wissens, hinter jedem Milizionär zurück, der über ein Jahr Erfahrung in wirklichen Kampfeinsätzen hat.

 

Alle Milizkommandeure klagen ohne Ausnahme über den schrecklichen Papierkram und die endlosen Abschiedsgesuche wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Das Streben nach militärischer Vereinheitlichung und Regelung hat den Grad der Absurdität erreicht. Die Führung fordert beispielsweise, dass die Kämpfer die gleiche Uniform tragen, obwohl es keine Uniformen gibt. Sie fordert sogar, dass die Bärte abrasiert werden müssen, und vor kurzen entstand in einer Division ein ernster Konflikt darüber. Achtzig Prozent von ihnen waren „bärtig“ und „alte Jungs“ – herausragende Kämpfer, die über ein Jahr mitgemacht haben. Sie werden von ihren Stellungen abgezogen und gehen – „kämpft doch selbst hier“ – als Antwort auf die Anforderung, die Bärte zu rasieren. Danach ließ die Führung sie in Ruhe. Viele Milizionäre, vor allem aus den Reihen der „Alten“, versuchen, aus diesem Grund nicht im Hauptquartier aufzuschlagen und vermeiden sogar Ablösungen aus Frontstellungen und ziehen es vor, „frei“ im Feld zu bleiben, wo die Jungs vom Stab und die „hohen Offiziellen“ nicht hinschauen.

 

Was die Abzeichen von „Noworossija“ angeht, gab es Meinungsverschiedenheiten darum, und ich kann bestätigen, dass es Fälle von Zwang gab. Sie sagen, es ist nicht möglich, sie zu tragen, es sei ein „provokatives“ Abzeichen, und hier hätten wir die DNR und nicht Noworossija. Wo die Milizionäre weniger entschieden in die Konfrontation mit der Führung gingen, wurden die Abzeichen entfernt, und mancherorts ist das nicht passiert, wie im Falle der „Bärtigen“. Ein Kommandeur erzählte, wie er die Behörden recht rüde „getreten“ hat: „Ich bin für Noworossija aufgestanden und habe für Noworossija gekämpft. Ich weiß nicht, was die DNR ist.“ Diese Episoden belegen, dass die Miliz keine klaglose Herde ist, die sich jeder Forderung unterwirft. Wenn es ums „Fallenlassen“ geht, ist es unwahrscheinlich, dass es gelingen könnte, tausende bewaffneter Männer zu überzeugen, die Blut für ihr Land vergossen haben.

 

Ein weiterer Nachteil der „Waffenruhe“ ist, dass viele Ukrainer aus der Bürokratie, den Strafverfolgungsbehörden und der Staatsanwaltschaft auf das Gebiet der DNR und LNR zurückkehren. Nicht nur, dass sie in ihre Wohnungen zurückgekehrt sind, sie übernahmen auch wieder ihre Büros und Posten aus der Zeit vor dem Krieg. Auch wenn sie sich im allgemeinen gut benehmen, fangen sie in manchen Fällen schon an, „mit ihren Rechten herumzuwedeln“ und sagen, „das ist hier die Ukraine“ und so weiter. Beispielsweise gibt es diese Geschichte aus der LNR: „Auf welcher Grundlage haben Sie auf die ukrainische Seite geschossen“ Ein weiteres besorgniserregendes Zeichen ist, dass die Kriminellen zurückkommen und anfangen, auf die Stellungen zurückzukehren, die sie im Verlauf des Krieges verloren hatten. Darüber wird beispielsweise in Donezk, Enakiewo und Altschewsk geklagt (wo die Ordnung seit der Ermordung Mosgowoijs sehr gelitten hat). In der DNR kehren auch die Bürokraten der „Achmetows“ weiter in die regionalen Verwaltungen zurück, und das regt die Bürger sehr auf, die darin eine „schleichende Ukrainisierung“ der Region sehen.

 

Was den Nachschub der Milizen angeht, ist die Lage besser als letzten Herbst, aber es gibt zwei große Probleme. Das erste ist, dass der Nachschub vor allem „gewöhnliche“ Dinge betrifft, wie Uniformen und Schuhwerk. Die Ausrüstung und jene Mittel (die wir monatlich erwerben), die zur Kriegsführung nötig sind, werden nicht zentral geliefert, ganz zu schweigen von solchen Dingen wie Optik oder Drohnen. Und wie zuvor ist die Kommunikation überall schlecht – was das erfahrene Personal angeht, aber auch die Kommunikation selbst. Das zweite ist der Unterschied zwischen den „Zahlen auf dem Papier“ und dem wirklichen Leben. Letzten Herbst beispielsweise wurden 300 Jacken für ein Bataillon beiseite gelegt, die vermeintlich drei Jahre reichen sollten, oder 300 Uniformsätze für ein Jahr. Das mag in Friedenszeiten die Norm für Armeeoffiziere oder Wachen sein, aber die Lage hier ist damit nicht zu vergleichen – nach einem Jahr Kampfeinsätzen unterschiedlicher Intensität (einschließlich schwieriger Bedingungen in der Steppe) verschleißen Uniformen schnell, eine Reihe von Kämpfern wird getötet, manche desertierten (und verschwanden mit der ausgegebenen Uniform), und es kommen neue. Aber wenn der Bataillonskommandeur im Stab nach Uniformen fragt, schauen sie auf das Papier und antworten, das Bataillon sei vollständig ausgestattet.

 

Die Lage mit dem Sold hat sich verbessert, aber es gibt wieder Schwierigkeiten. Der Sold (im Durchschnitt 15 Tausend) wird vor allem für Dinge ausgegeben, bei denen der Nachschub schlecht ist (Uniformen, Munition), und es ist praktisch unmöglich, eine Familie mit diesem Geld zu ernähren. In manchen Einheiten gab und gibt es keinen Sold. Die größte Herausforderung in manchen Einheiten ( „Prisrak“ zum Beispiel) besteht darin, dass ein Teil der Kämpfer, aus unterschiedlichen Gründen, nicht in den offiziellen Korps ist. Sagen wir einmal, offiziell sind 200 Mann in der Einheit, aber wirklich sind es 400. Das führt dazu, dass die 200 Kämpfer einen halben Sold behalten und die Hälfte an die 200 Irregulären geben. Das ist das häufigste Problem mit Sold und Nachschub. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Dinge, einschließlich des Diebstahls auf unterschiedlichen Ebenen. Daher sehe ich das freudige Gerede über die Etablierung eines zentralisierten Nachschubs kritisch, weil ich nicht auf die Papiere im Stab schaue, sondern auf die konkreten Menschen in den Schützengräben.

 

Was die allgemeine Einstellung in den Milizen betrifft, sind die Leute natürlich den Mangel an Informationen leid, und die vagen Zukunftsaussichten. Für uns, die russischen Freiwilligen, ist es in dieser Hinsicht leichter, wir haben die „russische Erziehung“, einen Ort, an den wir gehen können, und nicht viele Menschen wollen ihr Land ins Ungewisse verlassen. Mehr noch, die Mehrheit der Milizionäre hat Häuser und Familie unter der Besatzung und die Unmöglichkeit, vorzurücken, demoralisiert die Kämpfer. Wenn die Republiken eine „Waffenruhe“ in den Grenzen der ehemaligen Bezirke Donezk und Lugansk eingegangen wären und wenn der ständige Beschuss ausgeschlossen wäre, dann wäre die Lage eines eingefrorenen Konflikts erträglicher. Aber in der jetzigen Lage ist die Existenz der Bevölkerung wie der Milizen der Republiken unerträglich. Es sind nicht so sehr die physischen Belastungen, aber die psychologische Verfassung mancher Leute, die unerträglich ist, weil die Lage eines „weder Krieg noch Frieden“ unvorhersehbar ist.

 

Schon bald werde ich über andere Themen schreiben, insbesondere über unsere Arbeit beim Nachschub und über den Zustand des ersten Militärkrankenhauses, das weiter um seine Existenz kämpft. In der gesamten Lage die GRU der DNR betreffend hat sich praktisch nichts verändert, und sie hat sich sogar verschlechtert, seit ich das letzte Mal darüber geschrieben habe. Die meisten Leute aus dem organisierten Verbrechen innerhalb dieser Division sind immer noch frei und treiben weiter ihre Geschäfte, einschließlich „Major“ Filippowa. IN der GRU wurden viele neue, unbekannte Leute aufgenommen und erhielten gute Ausrüstung, Garantien und Bezahlung von der Führung. Seit einigen Tagen wird der 19-jährige Walja Kornienko vermisst, von der humanitären Stiftung „Dobrorussija“, und viele Daten deuten darauf hin, dass es sich um eine Entführung handelt, in die Leute von der GRU verwickelt sind. Wir nutzen jede Möglichkeit, um die Lage zu klären und Walja zu finden.

 

Abschließen, um die Fragen zu beantworten, die oft von empörten Bürgern beider Lager gestellt werden – von den ewigen Optimisten und den ewigen Pessimisten. Wenn ich etwas Gutes schreibe, sagen sie „wie geht das, du hast geschrieben, dass alles schlecht ist.“ Oder, wenn ich etwas negatives schreibe, sind andere empört – „wie, du hast gesagt, alles ist gut.“ Ich habe nie geschrieben, dass „alles gut“ oder dass „alles schlecht“ ist. Es ist schlicht unmöglich, das, was in Noworossija passiert, widerspruchslos und nur positiv oder negativ zu beschreiben. Die Leser von El Murid beispielsweise sind davon überzeugt, dass alles, was im Donbass passiert, hoffnungslos schlecht ist, und nur zum „Fallenlassen“ führt, und die Leser von Tschalenko beklatschen voller Vertrauen die Entwicklung in der LNR und der DNR und sehen uns bald auf dem Weg nach Kiew. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter. Ich habe unterschiedliche Orte besucht, und sehe manchmal Dinge, die sich gegenseitig ausschließen – manche lassen einen schwarz sehen, und andere bringen Freude und Hoffnung. Daher ist es verfrüht und sinnlos, jetzt über das Schicksal Noworossijas zu reden. Die Lage ist festgefahren, aber alle Umstände legen nahe, dass sie jeden Moment umschlagen kann, entweder zu unseren Gunsten oder zu der unseres Feindes.

 

Neben der Lage an der Front ist jedoch noch die Lage in den Republiken, die in der Krise sind, was manchmal Unangemessenes fördert. Darüber sollten wir nicht schweigen, und wir sollten das angehen, oder wir verlieren das Vertrauen der russischen Gesellschaft, die weiter die Miliz und die Bevölkerung des Donbass unterstützt.

 

 

Und hier die oben schon angekündigten Hintergründe zum Stichwort GRU DNR:

 

 

Die inneren Probleme der DNR und LNR sind nicht mehr zu verbergen

 

Jewgenij Krutikov

 

Übersetzung von Die inneren Probleme der DNR und LNR sind nicht mehr zu verbergen. Für die Übersetzung vielen Dank an Julia.

 

Einige Anschläge auf Regierungsmitglieder beider Republiken sowie die Angespanntheit um die frühere GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije – zu Deutsch Hauptverwaltung Aufklärung) sind nur äußere Merkmale des negativen Trends der letzten Zeit, welche man zu verschweigen versucht. Praktisch führt dies zur Untergrabung der Autorität von Alexander Sachartschenko, zur Diskreditierung der Idee von Novorossija und zu einer neuen Verzweigung des innerpolitischen Kampfes in Donezk.

 

In der DNR und LNR lebt man schon lange die Praxis, „die schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit zu waschen“. Dies ist das Produkt vor allem edler Motive, zum Beispiel des Unwillens, den Ruf der Republik zu gefährden. In Donezk gibt es kein Konzept für eine staatliche Propaganda – Leute in diesem Beschäftigungsfeld sind entweder eher zufällig dort gelandet oder es sind solche, für die es eine zweitrangige Aufgabe darstellt. Deshalb werden Informationen, die über das „negative Innere“ nach Außen dringen, als Provokation oder gar als Diversion wahrgenommen. Natürlich gibt es auch genug Leute mit gesundem Menschenverstand, die einsehen, dass es sinnlos ist, Probleme der Innenpolitik gänzlich zu verschweigen – nicht zuletzt, weil diese sowieso ins Auge springen. Abgesehen davon gibt es einige bezeichnende Beispiele, die zu ignorieren ganz einfach kriminell wäre.

 

Ein solcher Vorfall ist am Morgen des 14.ten Juli ans Licht gekommen, als ein Auto – ein roter Range Rover – in die Luft gesprengt wurde. Der Wagen gehörte der Sekretärin des Vorsitzenden der DNR Aleksandr Sachartschenko, Elena Filippowa, die nur durch ein Wunder den Anschlag überlebt hat. Die Ereignisse der darauffolgenden Tage gleichen eher einem Thriller (der im Grunde genommen bis heute andauert) und beleuchten auf anschauliche Weise einige höchst unangenehme Tendenzen im Leben der DNR.ehemaligen GRU (und nun, nach der Reform, dem Hauptquartier des Geheimdienstes der Garde der Republik), über Festnahmen der gesamten Führungsstabes ebendieser, und so weiter – bis hin zur Nachricht über den „Versuch eines Regierungsumsturzes“. Unzählige Gerüchte waren zu dem Thema in Umlauf gebracht worden, viele davon sind künstlich entstanden – unter anderem mit Hilfe einiger früherer Befehlshaber der Milizen, die sich aus dem einen oder anderen Grund auf dem absteigenden Ast wiedergefunden haben oder einfach nicht bei der Sache waren. Dabei gab es keinen Versuch des Regierungsumsturzes, nicht einmal annähernd. Es gab aber einen Vorfall, der eigentlich relativ typisch ist für unübersichtliche Zeiten wie diese. Chaos, Krieg, der Versuch der Bildung von Regierungsstrukturen von Null an; dazu die Situation des Hungers im Kader und dem beharrlichen Versuch von verschiedenen politischen Kräften und außenstehenden Figuren, sich in das Leben auf dem Donbass einzumischen.

 

Mitte der 2000er Jahre operierte eine skrupellose Bande Jugendlicher in Donezk und Umgebung. Sie beschäftigten sich mit Raub und Schlägereien – typische Straßengauner ohne Scham und Anstand. Jedoch leitete diese Bande ein schon durchaus erwachsener Mann, geboren 1979 – Andrej Borisowitsch Fadejew . Hochgewachsen, kräftig, hübsch, schlau, ein hervorragender Organisator und eine charismatische Persönlichkeit, außerdem ein vollendeter Krimineller mit faschistischen Neigungen. Als besondere Merkmale sind in den Dokumenten des Militärs seine Tätowierungen vermerkt: Ein Totenkopf mit Barett, im Hintergrund die russische Flagge; sowie zwei Schriftzüge: „Gott mit uns“ und „Homino homini lupus est“ (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf). Im Jahr 2007 endlich geschnappt, ist er wegen einer Vielzahl Verdienste (Mord, Totschlag, Bandenbildung, Einbindung von Minderjährigen in kriminelle Tätigkeit) zu 15 Jahren Haft verurteilt worden, die er in der Kolonie bei Slawjanoserbsk absitzen sollte.

 

Davon abgesessen hat er etwa 7 Jahre. Im Sommer 2014 war die Kolonie bei Slawjanoserbsk mitten in den Kriegshandlungen, so dass Fadejew schlicht und einfach von dort weggegangen ist, begünstigt durch die Tatsache dass die ukrainischen Sicherheitskräfte und Aufseher schon vor diesem Zeitpunkt das Weite gesucht haben. Im heimischen Donezk angekommen, schloss er sich dem Militär an und wurde schnell Leiter der zweiten Einheit der Spetsnaz der GRU. Seine Fähigkeit hat er schnell bewiesen, und für die Biographien von fähigen Leuten hat sich zur Zeit der schwersten Periode der Sommers 2014 niemand genau interessiert. Genannt wurde er „Starij“ – „der Alte“.

 

In kurzer Zeit versammelte Fadejew ihm treu ergebene Kämpfer in der zweiten Einheit. Schnell danach hat sich diese in eine ordinäre Straßenbande verwandelt. Ihr Handlungsspektrum war groß, aber typisch: Dazu zählten Raubüberfälle auf reiche Wohnungen, getarnt als „Kampf gegen Spionagegruppen des Gegners“, Entführungen und Folter von Geschäftsleuten mit der Forderung nach Lösegeld oder Abgabe des Geschäfts, außerdem Schmuggel von Gütern wie Kohle, Plünderungen von Eisenbahnwaggons – sogar derer, die humanitäre Wahre transportierten.

 

Die Situation ist explosiver geworden als bei der Station der zweiten Einheit regelmäßig ein roter Range Rover Jeep aufgetaucht ist, am Steuer eine junge Frau Namens Aleksandra. Man erzählt, dass Aleksandra sich dort sehr frech verhalten hat, sogar gegenüber den älteren Offizieren. Ihr Benehmen wurde als respektlos bezeichnet, unter anderem weil sie ständig mit ihren scheinbaren Verbindungen zu den oberen Führungsschichten der DNR angegeben hat. Schließlich wurde sie, gegen Mai 2015, mir nichts, dir nichts, zur ersten Stellvertreterin des Leiters der GRU erklärt – mit dem militärischen Dienstgrad „Major“.
Das Erscheinen von „Major Sascha“ wurde von den durch Feuer und Wasser gegangenen Kämpfern des Spetsnaz als direkte Beleidigung wahrgenommen. Diejenigen, die mit ihrer Beförderung nicht einverstanden waren, hat sie nach und nach aus der GRU gedrängt, sich auf ihren neuen Titel sowie ihre besagten Verbindungen nach oben berufend. Doch die zweite Einheit, die von Fadejew-Starij, blieb aus irgendeinem Grund von alldem verschont. Kurz darauf sind Gerüchte aufgetaucht, dass Starij und „Major Sascha“ ein Liebespaar sind und weiter, dass Sascha nicht lügt wenn sie von ihren Verbindungen nach oben spricht. Ihre Mutter ist die Sekretärin des Vorsitzenden der DNR Elena Filippowa, diejenige, deren Auto am 14. Juli in die Luft gesprengt wurde. Es war auch genau das Auto, mit dem zuvor Sascha gefahren ist.

 

Das Verhalten von Fadejews Einheit ist immer frecher geworden. Man erzählt, sie versicherten, alle ihre Aktionen seien von Sachartschenko persönlich abgesegnet. In alldem steckte kein Funken Politik, damit kennen sie sich nicht aus. Sie dachten auch nicht daran dass sie mit ihrem Verhalten den Kopf der Republik diskreditieren – und dadurch die DNR und ganz Noworossija.

 

Infolgedessen traten Ex-Offiziere und „Spetsnaz-er“ massenweise aus der GRU aus. Auf den Anschlag auf ihre Mutter reagierte „Major Sascha“ mit dem Befehl an die ihr treu ergebene, zweite Einheit, den Sitz der GRU zu umstellen und einige Kommandeure zu verhaften und „in den Keller  zu setzen“. Innerhalb von 24 Stunden drohte im Zentrum von Donezk ein blutiger Kampf auszubrechen.

 

Zu dieser Zeit kursierten in der Sphäre der Berichterstattung nur Vermutungen und Gerüchte, aufgewärmt und am Leben erhalten von oppositionell gegenüber Sachartschenko eingestellten Personen und der ukrainischen Propaganda. Das Eingreifen von „äußeren Kräften“ war notwendig, um die sich in Gefangenschaft befindenden Offiziere zu befreien und die zweite Einheit zu zerschlagen. Ermittlungen den Anschlag auf Elena Filippowa betreffend werden weitergeführt, wobei es durchaus möglich ist dass das Ziel des Anschlags nicht Sachartschenkos Sekretärin war, sondern deren Tochter.

 

Schnelle Karieren charismatischer Verbrecher sind eine weltweite Erscheinung in Kriegen dieser Art. Darin findet sich nichts für Donezk spezifisches, obwohl ein Standbein der ukrainischen Propaganda genau darauf aufbaut dass sich „in der DNR nur Verbrecher und unausgebildete Gauner befinden“. Die Regierung der Republik ist gezwungen, sich mit dem Material auseinanderzusetzen, das verfügbar ist und eigentümliche Ansichten, Gewohnheiten und sogar Herkünfte lokaler „Selbsterfinder“ sind eine Zeit lang sogar als gewisses Plus wahrgenommen worden. Doch jetzt, in Situationen allgemeiner Unsicherheit gilt es sich von Menschen des Typus Fedejew-Starij entschieden zu befreien. Die Kriminalität im Donbass ist sowieso eine Situation, die auf besseres hoffen lässt und solche unwahrscheinlichen Geschichten sind harte Schläge für die Regierung der Republik und die Republik selbst.

 

Überhaupt ist das Kaderproblem eines der bedeutendsten für die Republik. Die DNR ist voll von politischen Freaks unterschiedlicher Art, vor allem mit äußerst linken Überzeugungen. Sie wurden von radikalen Parolen über soziale Gleichheit und den Kampf gegen die Oligarchen angezogen. Mit einer höheren Ausbildung im humanitären Bereich sind viele von ihnen in eben den Strukturen tätig, die dazu berufen sind, als spezialisierte Propagandamaschinerie von Novorossija zu fungieren. Doch mit ermittelnder, aufklärender Berichterstattung beschäftigt sich niemand und als Ergebnis dessen dominiert die Taktik des „Verschweigens des Negativen“ in allen Bereichen. Mit Journalisten arbeitet kaum jemand, sich auf das generelle Wohlwollen der russischen Presse verlassend.

 

Dabei ist es für die „Angereisten“ nicht immer einfach, sich im gesellschaftlichen Klima der Republik zurechtzufinden. Sie selbst sind bei Weitem keine Engel. Doch viele glauben, alleine die episodenhafte Teilnahme am Kampfgeschehen mache sie unantastbar. So ist es mit einigen freiwilligen Truppen geschehen – unter ihnen auch welche mit kaukasischer Herkunft -, die als Resultat von den Befehlshabern der DNR aufgefordert wurden, die Republik zu verlassen.
Was die Zivilberater angeht, so ist die Mehrheit von ihnen politisiert und voreingenommen von den Ideen der weißen Garde oder, umgekehrt, von denen Trotzkis. Außerdem gibt es Kosaken unterschiedlichen Formats, deren Anführer bereit sind, die gesamte sie umgebende Welt rund um die Uhr zu kritisieren.
Was die DNR braucht, ist keine Reserve im Kader, sondern eine verlässliche Basis in ebendiesem, und das unmittelbar sofort. Sachartschenko ist es unmöglich, sich 24 Stunden am Tag „manuell“ mit der Leitung des Landes zu beschäftigen, er ist gezwungen sich auf die Menschen in seiner Umgebung bis zu einem gewissen Grad zu verlassen, unter denen sich auch ganz zufällige befinden können. Wie ebendiese Elena Filippowa, die, wie man hört, überhaupt aus Transnistrien nach Donezk übersiedelt ist. Wie und warum ist sie Sekretärin des Vorsitzenden der DNR geworden? Das sollte man vielleicht Antjufejew (Schewzow) fragen, der im Sommer letzten Jahres den Posten des stellvertretenden Regierungsvorsitzenden der Exekutive ganze drei Wochen innehielt, aber es in der Zeit geschafft hat, aus Transnistrien viele ehemalige MGB-Mitarbeiter in die Republik zu holen und sie auf Schlüsselpositionen zu verteilen.

 

Sachartschenko wirkt auf manche in Moskau wie eine nicht ganz loyale Figur (im Gegensatz zu Plotnitzki in Lugansk). Er ist zu stur, zu würdevoll, und manchmal auch zu geradlinig. Besonders klar ist dies in letzter Zeit hervorgetreten – im Laufe von im Hintergrund stattfindenden Debatten über „demilitarisierte Zonen“ und über das „Abziehen von Truppen“. Überhaupt haben die Diskussionen rund um Minsk-2 gezeigt, dass die Meinung der DNR eine durchaus eigenständige ist, und das hängt in erste Linie mit der festen Anbindung der Leitung der Republik an die Geschehnisse an der Front und auf der Straße, zusammen (im weitesten Sinne des Wortes „Straße“).

 

Eine weitere negative Tendenz zeichnet sich ab: rückgängige Motivation im VSN (Bewaffnete Kräfte von Novorossija). Vor Minsk-2 existierte ein klares Verständnis der Ziele dieses Krieges, ein einheitliches, gemeinschaftliches Verständnis der Gründe, weshalb dieser geführt wird. Natürlich konnte dieses Verständnis je nach politischer Orientierung der Einheiten leicht variieren, doch im Ganzen herrschte Einigkeit. Jetzt, nach endlosen Verhandlungen die ziellos blieben, außer dem seltsamen „sich vertragen“ und den seltsamen Versuchen, diese Einigung um jeden Preis aufrecht zu erhalten, gibt es die einige Vorstellung einer Zukunft nicht mehr. Und das führt nicht nur zum Verlust der Motivation, sondern – teilweise – auch zum Zerfall.

 

Schon bei der Etappe der „Zusammenrottung“ haben sich Probleme die Lenkbarkeit betreffend herauskristallisiert. Und nun hat sich die Situation verschlechtert – aus offensichtlichen psychologischen und ideologischen Gründen und auch aus einfacher, menschlicher Ermüdung.

 

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