Michael Schneider: Die USA wollen Deutschland in einen Konflikt mit Russland treiben

   Дата публикации: 24 августа 2015, 16:02

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AP Photo

 

„Für einen neuen europäischen Umgang mit der Ukraine-Krise“ hat der von Egon Bahr und Günter Grass gegründete Willy-Brandt-Kreis aufgerufen, dem namhafte Intellektuelle und Kulturschaffende angehören. Wie Prof. Dr. Michael Schneider, ein Mitunterzeichner des Appells, betont, muss Europa mit Russland reden, um die Gefahr für Frieden abzuwenden. 

 

Quelle: Sputniknews

 

 

Herr Schneider, gerade die Ukraine-Krise ist ein emotionales Thema, an dem sich die Geister scheiden. Wie erklären Sie sich das? Bei anderen Krisen dieser Welt reagieren doch zum Beispiel die Deutschen auch nicht so engagiert.

 

Wir Deutschen haben ja mit Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion eine ganz spezielle Geschichte. Durch den Krieg. Und dann hat die Sowjetunion unter Gorbatschow ganz wesentlich beigetragen zur Deutschen Einheit. Ohne Gorbatschow hätte es die Deutsche Einheit nicht gegeben. Deutschland und Russland haben eine lange gemeinsame Geschichte. Und ich nehme auch immer wieder mit Erstaunen zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Bundesbürger keine Eskalation dieses Konfliktes will.

 

Und sie warnen auch davor, dass wir uns an der langen oder kurzen Leine der USA mit Russland in einen Konflikt hineinmanövrieren lassen. Wir waren uns alle im Willy-Brandt-Kreis darin einig, dass diese NATO-Osterweiterung, die seit den Neunzigerjahren betrieben wird, natürlich die Einkreisungsängste Russlands verstärken und entsprechende Reaktionen zur Folge haben musste. Wir haben auch immer gewarnt und bedauert, dass es im Rahmen der KSZE nie zu einer europäisch-russischen Sicherheitsstruktur gekommen ist.

 

 

Herr Schneider, was ist passiert? Man reibt sich manchmal verdutzt die Augen. Vor ein paar Jahren war alles gut, Frieden in Europa, Russland eingebunden in die Weltgemeinschaft.

 

Ich erinnere mich noch gut daran, wie Putin 2001 oder 2002 im deutschen Bundestag gesprochen hat. Da hat er die Vision einer russisch-europäischen Handelsgemeinschaft von Wladiwostok bis Lissabon gezeichnet, und der ganze Bundestag hat ihm applaudiert. Und was bekommen wir jetzt stattdessen? Anstelle dieser eurasisch-europäischen Wirtschaftsunion, die geopolitisch viel sinnvoller wäre, auch für die Deutschen, bekommen wir TTIP. Das ist fatal. Ich denke, dass die USA ganz stark ein Interesse daran hat, die Europäische Union und vor allem Deutschland in einen Konflikt mit Russland zu treiben und vor allem auf der energiepolitischen Ebene von den US-verwalteten Ressourcen abhängig zu halten.

 

 

In der Erklärung  des Willy-Brandt-Kreises ist von europäischen, im Gegensatz zu amerikanischen Interessen die Rede. Ist Europa nicht emanzipiert genug?

 

Nein, leider nicht. Das ist ja der große Jammer. Unter einer Weiter-So-Kanzlerin Angela Merkel, die ja schon damals beim zweiten Golfkrieg Bush junior am liebsten auf den Schoss gesprungen wäre, ist eine wirkliche Emanzipation Europas von Amerika im Sinne einer eigenständigen Sicherheits- und Außenpolitik schwer vorstellbar. Es gibt Ansätze dazu, aber sie werden immer wieder torpediert.

 

 

Es sollte ja eigentlich in der Politik nicht um persönliche Befindlichkeiten gehen, aber dahinter stehen ja auch Menschen. Können Sie Russland in gewissem Maße verstehen, dass es reagiert, wie es reagiert?

 

 

Ja, das kann ich sehr gut verstehen. Die Angst der Russen vor einer neuen militärischen Einkreisung  ja nun wirklich historische Wurzeln. Leider gibt es in Deutschland noch immer ein ungenügendes Verständnis dafür, was die Deutschen den Russen angetan haben im Zweiten Weltkrieg. Da gibt es eine Wahrnehmungslücke.

 

Eigentlich könnte doch alles ganz einfach sein: Man respektiert die Sicherheitssphäre Russlands und ansonsten treibt man Handel und prosperiert gemeinsam als europäischer Kontinent.

 

Die USA haben natürlich ein großes Interesse daran, ihren ölgestützten Dollar-Imperialismus aufrecht zu erhalten. Und eine eurasisch-europäische Wirtschaftsunion, wie sie Putin damals vorgeschlagen hat, wäre für die Amerikaner der Albtraum. Das würde ihre Hegemonialstellung bedrohen.

 

 

Vor allem für die Ukraine wären doch die Aussichten fantastisch, wenn sie in beide Richtungen Handel treiben würden, mit der EU und mit Russland. Wie es ja im Prinzip auch seit Jahrhunderten ist. Aber die Ukraine musste sich entscheiden: entweder EU oder Russland.

 

Das ist die Tragödie dieses Ukraine-Konfliktes. Trotz ihrer günstigen geopolitischen und wirtschaftlichen Lage zwischen den Blöcken musste sie sich entscheiden. Erst das Assoziierungsabkommen und dann der NATO-Beitritt. Soweit sind wir zum Glück nicht, und selbst Frau Merkel lehnt das ab. Und für Russland ist es natürlich fatal, wenn die Ukraine, das wichtigste Land vor ihrer Haustür, dem westlichen Lager zugeschlagen wird.

 

 

Der Willy-Brandt-Kreis meint, dass man mit Russland reden sollte. Das will aber anscheinend niemand. Aus dem G7 sind die Russen raus. Der Nato-Russland-Rat ist auf Eis gelegt. Manchmal fühlt man sich wieder wie in den Achtzigern: Wettrüsten, Kalter Krieg. Die Jahrzehnte der Entspannung umsonst? Wie kommen wir da wieder raus?

 

Genau das ist ja auch der Sinn unseres Aufrufs, an die Politik zu appellieren, zum Beispiel den NATO-Russland-Rat wieder zu aktivieren oder Russland wieder zu den G8-Treffen einzuladen. Und das würde auch heißen, die Sanktionen zu beenden. Ich denke, Sanktionen sind ein ganz schlechtes Mittel, um Russland in die Knie zu zwingen.

 

Michael Schneider ist Autor und Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg im Fachbereich Drehbuch. Er ist Mitglied des Willy-Brandt-Kreises.

 

Interview: Armin Siebert

 

 

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