Wettlauf um die ukrainische Schwarzerde

Дата публикации: 19 Март 2015, 20:31

Die Felder der Ukraine sind kostbar und begehrt; das Interesse westlicher Agrarkonzerne und Russlands enorm. Es entsteht ein neuer Ost-West-Konflikt. von Alexandra Endres

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Weizenernte auf den Feldern von Ukrlandfarming, dem größtenAgrarunternehmen der Ukraine, im vergangenen Juli | © Vincent Mundy/Getty Images

 

Für Frédéric Mousseau ist die Sache klar: Der Westen will an ukrainisches Land – und das ist nicht bloß eine Metapher. Mousseau ist Strategiedirektor des kalifornischen Oakland Instituts, eines auf Nahrungssicherheit und Klimathemen spezialisierten Think Tanks. In zwei Berichten haben er und seine Mitarbeiter dokumentiert, wie enorm das Interesse westlicher Konzerne an den Feldern der Ukraine ist.

 

Die Berichte belegen, wie große US-Agrarfirmen seit Jahren Geschäfte in der Ukraine machen. Unter ihnen ist der wegen seines Geschäfts mit gentechnisch verändertem Saatgut umstrittene Konzern Monsanto, das Agrarunternehmen Cargill und der Chemiekonzern DuPont. Zuletzt hätten die Firmen ihre Investitionen erheblich erhöht, sagt Mousseau – so sehr, dass es einer «Übernahme der ukrainischen Landwirtschaft durch westliche Konzerne» gleichkomme. Und die Finanzinstitutionen des Westens, etwa die Weltbank und der Weltwährungsfonds, unterstützten die Interessen des Kapitals durch ihre Politik.

 

Dann setzt Mousseau noch eins drauf. Das Ringen um «die Kontrolle des Landwirtschaftssektors» sei «ein ausschlaggebender Faktor im größten Ost-West-Konflikt seit dem Kalten Krieg», erklärt er. Dass der ehemalige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch eine stärkere Integration in den Westen ablehnte, habe in der Ukraine-Krise schließlich «eine Schlüsselrolle» gespielt. Ähnlich argumentiert die Linksfraktion im Bundestag.

 

Ist der Krieg in der Ukraine also auch ein Krieg um Ackerland?

 

Begehrte Schwarzerde

 

Fest steht: Die ukrainischen Felder sind begehrt. Nur in wenigen anderen Regionen der Welt gibt es ähnlich kostbare – und bislang wirtschaftlich nicht ausgenutzte – Böden. Die Ukraine verfügt über die nährstoffreiche Schwarzerde, und das in großen Mengen: Etwa ein Viertel der besonders ertragreichen sogenannten Chernozem-Böden weltweit befindet sich auf ihrem Staatsgebiet. Rund 32 Millionen Hektar Ackerland gibt es dort; das entspricht etwa einem Drittel der Ackerfläche der gesamten Europäischen Union.

 

Schon heute ist die Ukraine der drittgrößte Mais- und siebtgrößte Weizenexporteur der Welt. Vor allem die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens kaufen dort Getreide. Die weltweite Nahrungskrise der Jahre 2007 und 2008 hatte auch damit zu tun, dass die ukrainische Regierung damals vorübergehend den Export einstellte – danach wurde Brot in vielen Ländern der Welt teurer, es kam zu Hungeraufständen.

 

Spätestens seit dieser Zeit ist auch ausländischen Investoren klar, wie kostbar ukrainisches Land ist. Es sind aber nicht nur die Geschäftsleute aus dem Westen, die um den Wert der Schwarzerde wissen. Das räumt auch Mousseau ein. «Wir beobachten in der Ukraine einen Wettkampf zwischen russischen und westlichen Interessen», sagt er. Einige der mächtigen ukrainischen Oligarchen hätten sehr gute Kontakte nach Russland, und traditionell pflege der Osten des Landes enge Handelsbeziehungen zu russischen Partnern, sagt Mousseau. «Aber das ist ganz anders als das, was die westlichen Konzerne tun. Sie treiben ihre Interessen sehr aggressiv voran.»

 

Allerdings stoßen sie dabei an eindeutig festgelegte Grenzen. Selbst Land kaufen dürfen die ausländischen Unternehmen – egal, ob sie aus dem Westen oder Osten kommen – in der Ukraine nämlich nicht; das verbieten die nationalen Gesetze. Ungefähr ein Drittel der Flächen ist in Staatsbesitz.

 

Doch die Investoren finden andere Wege. Sie können Land pachten, und zwar maximal 49 Jahre lang, zu günstigen Preisen. Sie nehmen Einfluss, indem sie Kredite an ukrainische Unternehmen vergeben, und sie beteiligen sich auch direkt an den Betrieben, zum Beispiel indem sie Aktien kaufen. Einige der ukrainischen Holdings sind an westlichen Börsen notiert, so gehören sie zumindest teilweise Anlegern aus dem Westen.

 

Und es sind nicht nur Finanzinvestoren und Konzerne, die in die Ukraine expandieren. Einige deutsche Bauern haben den Sprung dorthin ebenfalls gewagt. Die meisten von ihnen kamen um die Jahrtausendwende. «Damals wurden Investoren händeringend gesucht, denn viele der  Nachfolgebetriebe der Kolchosen lagen am Boden», sagt Gerlinde Sauer. Sie ist Agrarexpertin im Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft und kennt die Ukraine gut. Heute seien ungefähr 40 deutsche Agrarbetriebe dort tätig, sagt Sauer; die meisten bewirtschafteten jeweils etwa zwei- bis dreitausend Hektar Land. «Das entspricht etwa der Größe einer ostdeutschen Agrargenossenschaft.»

 

Manche Investoren aus dem Westen steigen auch direkt in ukrainische Agrarbetriebe ein. Zum Beispiel der US-Agrarkonzern Cargill, der Mousseaus Report zufolge rund fünf Prozent an der größten einheimischen Holding Ukrlandfarming hält. Daneben handle Cargill in der Ukraine mit Pestiziden, Saatgut und Dünger, stelle Futtermittel her und besitze Silos, um im Getreidehandel mitzumischen. «Alle Aspekte der ukrainischen Agrarlieferkette – von der Produktion landwirtschaftlichen Inputs bis zum Export der Ware – werden auf diese Weise zunehmend von westlichen Firmen kontrolliert», schreibt Mousseau.

 

Aus seiner Sicht «geht es in der Ukraine darum, wer künftig den Zugriff auf die Ressourcen des Landes erhält». Aber wie groß ist der westliche Einfluss wirklich? Wer tiefer gräbt, merkt schnell: Im Detail lässt sich das oft kaum nachvollziehen. Zu kompliziert sind die Verflechtungen.

 

Das zeigt auch der Blick in eine Datenbank, die Wissenschaftler des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg pflegen. In ihrer Land Matrix sammeln sie Informationen zu Landgeschäften weltweit. Rund 1,7 Millionen Hektar ukrainisches Ackerland sind der Datenbank zufolge in ausländischer Hand – nur in sieben Ländern der Welt, die meisten davon in Afrika, kontrollieren Ausländer mehr Böden.

 

Investoren aus Russland und Saudi-Arabien

 

Doch mindestens eine laut Land Matrix ausländische Firma wird in Wahrheit von Ukrainern geführt. Es handelt sich um Kernel, eine Firma, die in der Datenbank als Investor aus Luxemburg registriert ist; doch der Unternehmenssitz befindet sich in Kiew. Kernel ist der größte Produzent von Sonnenblumenöl der Ukraine. Der Gründer und Chef des Unternehmens, der 40-jährige Andrey Verevskiy, saß für die Partei der Regionen des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch im ukrainischen Parlament. Den Kontakt in den Westen scheut er nicht: Kernel-Aktien werden an der Stuttgarter Börse gehandelt, und im Aufsichtsrat von Kernel sitzt auch der ehemalige Cargill-Manager Ton Schurink. Dennoch bleibt Kernel eine ukrainische Firma, und die Frage, wer hier den größten Einfluss hat, lässt sich zumindest nicht eindeutig beantworten.

 

Der Land Matrix zufolge ist der US-amerikanische Pensionsfonds NCH Capital der größte Investor in ukrainisches Land: 450.000 Hektar hat er gepachtet. Das bekannteste Unternehmen in der Liste dürfte der schweizerische Rohstoffkonzern GlencoreXstrata sein; er hat 80.000 Hektar unter Vertrag. Daneben gibt es aber auch Investoren aus Russland (250.000 Hektar) und Saudi-Arabien (33.000 Hektar) – und die Barnstädt e.G. aus Sachsen-Anhalt, die in der Ukraine der Land Matrix zufolge rund 8.000 Hektar Land hat. Zu ihrem Investment will sich die Genossenschaft offenbar nicht äußern; mehrere Anfragen laufen ins Leere.

 

Ukrainische Agrarholdings, in denen westliches Kapital steckt, Investoren aus Russland und Saudi-Arabien und vermeintlich westliche Investoren, die in Wahrheit von Ukrainern geführt werden – offensichtlich lassen sich Ost und West in der Landwirtschaft der Ukraine nicht mehr so leicht trennen.

 

Auch deshalb ist schwer zu sagen, wie sehr der Run auf die ukrainischen Ackerböden den Krieg tatsächlich befeuert. Das Assoziierungsabkommen mit der EU sieht vor, dass die Ukraine ihre Landwirtschaft weiter für ausländische Investitionen öffnen soll. Doch von der bisherigen Öffnung profitiert nicht nur der Westen. Durch eine weitere Liberalisierung könnten ebenso die großen ukrainischen oder russischen Player gewinnen.

 

Exportorientierte Holdings vs. Kleinbauern

 

Ost oder West? Vielleicht ist das letztlich gar nicht so wichtig. Das ist jedenfalls der Standpunkt von Christina Plank. Sie erforscht den Agrarsektor der Ukraine von der Uni Wien aus. Planks Spezialgebiet sind Agrartreibstoffe, das Interesse der Europäischen Union am Anbau in der Ukraine und die damit verbundene Politik der ukrainischen Regierung.

 

Wie Mousseau sagt die österreichische Forscherin: Die großen Konzerne reißen sich das Ackerland der Ukraine unter den Nagel – wenngleich sie das wissenschaftlich-distanzierter formuliert. Im Gegensatz zu Mousseau findet Plank auch das Geschäft der großen ukrainischen Agrarholdings problematisch. Ihnen gehöre immer noch das meiste Land, «und sie werden immer größer». Ukrlandfarming zum Beispiel, die größte Holding, bewirtschafte etwa mehr als 670.000 Hektar und sei damit das achtgrößte Agrarunternehmen weltweit.

 

Die ukrainische Regierung, die großen Agrarkonzerne und die internationalen Institutionen wollten die Landwirtschaft modernisieren – und wählten dafür genau den falschen Weg, kritisiert Plank. «Ihr Ziel ist eine intensive Landwirtschaft, in großem Maßstab, für den Export. Aber was wird aus den kleinen Bauern?» Die großen Farmen beschäftigten immer weniger Arbeiter. «Und die Profite werden in Steueroasen verschoben. Da sind die ukrainischen Agrarholdings keine Ausnahmen. Ist das wirklich die richtige Form der ländlichen Entwicklung?»

 

Irgendwann werde der freie Kauf und Verkauf von Ackerböden auch in der Ukraine gestattet sein. Die Konzentration des Landbesitzes werde dann noch weiter zunehmen, fürchtet Plank: zum Schaden der einfachen Landbevölkerung. Der Krieg könnte die Öffnung sogar noch beschleunigen, meldete jüngst die Nachrichtenagentur Reuters.
Im Moment ist das jedoch nicht das drängendste Problem. Die größte Gefahr ist, dass der Krieg im Osten des Landes auch der Landwirtschaft schadet – mit globalen Folgen.

 

Die ukrainischen Bauern bräuchten Kredite, um zu investieren. Sie müssen Saatgut vorfinanzieren oder Maschinen kaufen. Doch derzeit liegt der Leitzins bei 30 Prozent, und wegen des Verfalls der ukrainischen Währung sind importierte Maschinen nahezu unbezahlbar. Sauer vom Ost-Ausschuss berichtet, dass auch Landwirte in der Zentral- und Westukraine vom Krieg betroffen sind. Mitarbeiter der Betriebe werden in die Armee einberufen und ihre Lastwagen zu militärischen Zwecken requiriert.

 

Im Moment, sagt Sauer, sei der Agrarsektor dennoch «das einzige, was die Ukraine wirtschaftlich einigermaßen stabilisiert». Doch das muss nicht so bleiben. Bei der Welternährungsorganisation in Rom warnt ein Ukraine-Experte: «Sich selbst wird die Ukraine immer ernähren können. Sie ist ein fruchtbares Land. Aber wenn sich die Lage weiter destabilisiert, könnte das die globale Ernährungssicherheit bedrohen.»
Genauso wie in der weltweiten Nahrungskrise vor acht Jahren. Womöglich ist das der entscheidende Link zwischen der ukrainischen Landwirtschaft und dem Krieg.

 

 

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Autor: Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

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