Warum ist der 9. Mai Russlands wichtigster Feiertag? Ulrich Kreuzenbeck

   Дата публикации: 14 марта 2015, 00:23

 

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Vor 10 Jahren, anlässlich der 60-Jahres-Feiern ist eine Meinungsumfrage zum Thema durchgeführt worden. In dieser Untersuchung sagen 91 Prozent der befragten Russen, dass der 9. Mai für sie ein Tag mit einer besonderen Bedeutung sei. Lediglich für sieben Prozent ist dies ein Tag wie jeder andere und nur 13 Prozent werden diesen Tag nicht als Gedenktag verleben. Immerhin über ein Viertel der Bevölkerung wird Friedhöfe oder Gedenkstätten aufsuchen, ein weiteres Viertel beabsichtigt, an öffentlichen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Diese Zahlen unterstreichen, dass der „Große Vaterländische Krieg“ 70 Jahre nach seiner Beendigung ein historisches Ereignis ist, dass auch heute noch die Menschen in Russland beschäftigt. Es ist ein Tag, an dem sie der Toten gedenken und die Kriegsveteranen ehren, der sie aber auch mit Stolz auf ihre Geschichte zurückblicken lässt.
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Die außerordentliche Bedeutung dieses Jahrestages ist für die Völker der ehemaligen Sowjetunion aus meiner Sicht nicht nur allein durch das Gedenken an einen siegreichen Krieg begründet, der allein auf sowjetischer Seite über 25 Millionen Menschenleben kostete und in dem praktisch jede Familie Angehörige verlor. Der „Große Vaterländische Krieg“ ist darüber hinaus auch ein ganz wesentliches Identifikationssymbol, das Russen und andere ehemalige Sowjetbürger zusammenhält und mit Stolz über die sowjetische Vergangenheit erfüllt. Der Sieg über Hitler-Deutschland und die Zerschlagung des Menschen verachtenden Faschismus ist der wohl größte Erfolg der Sowjetunion überhaupt.
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Der Sieg ist somit Identitätsbildend und damit auch eine bedeutende gemeinschaftliche Grundlage für die zukünftige Entwicklung der russischen Gesellschaft. Der Sieg ist das Ergebnis einer großen historischen Leistung, die von den Völkern der ehemaligen Sowjetunion erbracht wurde. Besonders in einer Zeit, in der große Teile der russischen Bevölkerung von Orientierungslosigkeit und Frustration über die herrschenden Verhältnisse betroffen sind, kommt der Rückbesinnung auf die Vergangenheit und ihr wichtigstes Kapitel eine herausragende Bedeutung zu. Im Kampf gegen Nazi-Deutschland hatte die sowjetische Nation ein übergeordnetes, einigendes Ziel. Der Tag des Sieges ist sozusagen der Kulminationspunkt dieser Rückbesinnung auf eine Zeit, die zwar entbehrungs- und verlustreich war, in der es aber eindeutige Fronten gab und die von einem großen Sieg gekrönt wurde.
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Die Zerschlagung des Faschismus wird von den Russen vor allem als Erfolg der Sowjetunion angesehen. Die Bedeutung der Sowjetmacht für die Beendigung des Naziterrors wird hingegen in den westlichen Ländern eher weniger in den Vordergrund gestellt. Auch in Deutschland herrscht in der Bevölkerung überwiegend die Auffassung vor, dass „uns“ vor allem Amerikaner und Briten befreit hätten. Der bedeutende Anteil der Roten Armee wurde nicht zuletzt in der Zeit des Kalten Krieges und im Wettkampf der Systeme aus ideologischen Gründen in den Hintergrund gedrängt. Und sicherlich trug auch der anglo-amerikanische Einfluss auf die deutsche und europäische Alltagskultur dazu bei, dass sich diese Auffassung festigen konnte. Doch ohne die Ostfront wäre die Befreiung Deutschlands durch die westlichen Alliierten nicht möglich gewesen.
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Ich meine daher, dass der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow Recht hat mit seiner Aussage: „Der Sieg im 2. Weltkrieg gehört Russland und wird auch in Zukunft Russland gehören“. Auch der belgische Regierungschef Guy Verhofstadt hat im Vorfeld der 9. Mai – Feiern und seiner Reise nach Moskau die kriegsentscheidende Bedeutung der verlustreichen Ostfront hervorgehoben. Er sagte: «Ich bewundere die Völker der ehemaligen Sowjetunion, die im Krieg gekämpft haben. Für einige von ihnen war dieser Krieg am längsten, für die anderen am opferreichsten. Die Schmerzen, Zerstörungen und das Leid waren gewaltig. Besonders riesig waren die Opferzahlen an der Ostfront. Der Beitrag ihrer Armeen zum Sieg über Nazideutschland war entscheidend».
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Natürlich trifft es die Russen hart, wenn im Ausland Zweifel an ihrer historischen Rolle aufkommen. So ist die Auseinandersetzung mit den baltischen Staaten über deren Auffassung bezüglich der Sowjetgeschichte alles andere als nur ein diplomatischer Schlagaustausch zwischen den Regierungen. Die Russen, auch den oft zitierten Mann auf der Straße, trifft es in Mark und Bein, wenn zum Beispiel in Tallinn pünktlich zum 9. Mai ein Denkmal enthüllt wurde, mit dem auch die SS-Kämpfer gegen die Sowjetunion ausdrücklich gewürdigt werden — während es gleichzeitig den Kriegsveteranen, die auf sowjetischer Seite kämpften, in Lettland offiziell verboten wurde, ihre Orden und Medaillen zu tragen. Die gleiche Reaktion erlebt man in Russland, wenn im Ausland von vielen Stalin mit Hitler auf eine Stufe gestellt wird. Dies wird von den Russen, auch von ausgewiesenen Anti-Kommunisten, als eine Verunglimpfung ihrer Geschichte und somit auch ihres Selbswertgefühls betrachtet.

Natürlich ist es tragisch, dass gerade der 2. Weltkrieg mit seinen unzähligen Toten diese symbolhafte Bedeutung für die russische Identität erhalten hat. Und viele Menschen im westlichen Ausland haben Probleme damit, die Bedeutung des „Großen Vaterländischen Krieges“ für das heutige Russland richtig einzuschätzen. Wenn wir in Meinungsumfragen lesen, dass ein beachtlicher Teil der Russen eine positive Meinung über Stalin hat, dann reagieren viele geschockt. Der Grund für diese positive Einschätzung ist jedoch nicht politisch begründet sondern hat in aller erster Linie mit dem großen Sieg unter der Führung von Stalin zu tun.
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Wichtig ist auch zu beachten, dass die natürlich militärisch geprägten Siegesfeiern zum 9. Mai in ihrem Kern nicht kriegsverherrlichend sind. Man feiert nicht den Krieg als solchen sondern das Ergebnis der Schlachten – die Befreiung Europas vom Joch des Nationalsozialismus. Gleichzeitig gedenkt man der Opfer und ehrt die Veteranen, und erinnert sich an die Zeit, als die Sowjetunion Historisches geleistet hat. Optisch ist der „Tag des Sieges“ daher in vieler Hinsicht ein „Sowjetunion-Revivaltag“, an dem die alten Symbole präsent sind.
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Bekanntermaßen wünschen sich die meisten Russen die Sowjetunion zurück und betrachten die Zerschlagung der UdSSR als geschichtliche Katastrophe oder Tragödie. Dies bedeutet aber nicht, dass man den Kommunismus auferstehen lassen will, sondern man sieht die Sowjetunion eine Nation, die in vielen Bereichen – und eben auch im Krieg – große Taten vollbracht hat und eine Weltmacht war. Diese Rückbesinnung, die sicherlich am „Tag des Sieges“ ihren jährlichen Höhepunkt erreicht, hat vor allem mit der schon erwähnten Identitätssuche in einer Zeit einer weit verbreiteten Orientierungslosigkeit zu tun.

Für einen Deutschen ist das Thema „2. Weltkrieg“ natürlich eine schwierige Angelegenheit. Wie alle wissen, ist auch die deutsche Seite von Tod und Elend heimgesucht worden. Die deutschen Opfer sollen keinesfalls vergessen werden. Aber es ist nicht zu bestreiten, dass der Krieg von Deutschland ausgegangen ist. Die deutsche Armee ist in alle Himmelsrichtungen vorgedrungen, angetrieben von den wahnwitzigen Plänen ihrer Führer, deren Emporkommen die Deutschen nicht rechtzeitig verhindern wollten oder konnten.
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Auffallend ist jedoch, dass die Siegesfeiern in Russland nicht vom Hass gegen den ehemaligen Gegner geprägt ist. Sowohl das offizielle als auch das private Russland bezeichnet den Gegner als Nazideutschland, Hitler-Deutschland oder als Faschisten. Die Siegesfeiern markieren somit nicht den Triumph über die Deutschen als solche sondern über eine menschenfeindliche Ideologie und ihre ausführenden Instrumente – das ist ein ganz bedeutender Unterschied.

Autor: Ulrich Kreuzenbeck


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